Suche

Aktuelle Veranstaltungen

Dienstag, 25. Mai 2021  16:30 Uhr

3. Lernworkshop: „Effektive und wertschätzende Kommunikation“

Kunst und Kontext, Interview mit Simone Zaugg und Pfelder

Pfelder und Simone Zaugg; Foto: Jannis Chavakis

Es nieselt ein bischen, ich bin mit den beiden Künstlern Simone Zaugg und Pfelder zum Interview verabredet. Die Galerie Kurt-Kurt in der Lübecker Str. 13 ist noch geschlossen, um 14 Uhr sollen die Kuratoren der Ausstellung und einige Künstler/innen eintreffen.  Einige Häuser weiter stehen vor einem Ladengeschäft ein paar alte Stahlrohrstühle mit lindgrünem Bezug, schönste 70er – Büromöbel vermutlich, zu verschenken an Liebhaber. Simone Zaugg schließt mir schon mal den Laden auf, Pfelder und der gemeinsame kleine Sohn bringen die Stühle an. „Die sind ja noch total schön!“. Und passen richtig gut ins Ambiente des Kurt-Kurt, ich bin ein bischen neidisch. Gestern wurde die Ausstellung „Journeys with no return“ - "Reisen ohne Wiederkehr" eröffnet, der Abend war lang, aber das lassen sich die beiden nicht anmerken.   

Ihr Beide lebt und arbeitet in Moabit-Ost, gibt es da einen Platz, den Ihr besonders schätzt?

Pfelder:  Also ich finde die Lübecker Str. schon sehr speziell.  Lieblingsplatz ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber es ist auf jeden Fall eine sehr spezielle Straße und deshalb sind wir auch recht gerne hier.

Simone Zaugg:  Was ich in diesem Kiez als sehr angenehm empfinde, ist dass man Wohnung und Arbeit verbinden kann.  Man kann z.B. schnell in den Fritz-Schloss-Park gehen, wenn man eine kleine grüne Oase will oder es gibt auch bei uns direkt gegenüber die Bücherei.  Auch die gute Vernetzung. Wir haben viele Freunde, die hier wohnen und arbeiten und haben über die Jahre, auch über das Kurt-Kurt Projekt, gute Kontakte geknüpft.

Was ist der Grund dafür, dass Ihr Euch für Moabit entschieden habt, um Kunst zu machen?

Pfelder:  Da gibt viele Gründe. Wir arbeiten ja schon seit langem an großen, internationalen Projekten im öffentlichen Raum weltweit. Ich bin schon seit 2001 in Berlin und habe immer überlegt: „Wo kann ich mal was in Berlin machen?“.  Ich wollte gerne ein großes Projekt in Berlin machen, aber kriegte da Nichts zu fassen. Berlin als Ganzes ist irgendwie zu groß, aber vereinzelt sich auch wieder den Stadtteilen und ich habe nie einen Ort gefunden, wo ich das Gefühl hatte, dass es da auch wirklich Sinn macht und mich dazu bringt, an dem Ort was zu machen. Obwohl ich immer wieder geguckt habe, kam der nicht.            

Dann kam das so, dass wir ständig durch Moabit hindurch gefahren sind. Ich habe im Hansaviertel gewohnt, Simone im Wedding und dabei haben wir Moabit immer durchquert. Dann sind wir nach Moabit gezogen und haben plötzlich festgestellt: „Ja, verdammt noch mal – das ist ja genau dass, was wir suchen!“

Simone Zaugg: Ja, da gibt es so verschiedene Aspekte: Z.B. ist hier eine ziemlich gute Durchmischung, von verschiedenen Ethnien, Kulturen – ja – auch Menschen. Auch das bürgerliche Moabit und das weniger Bürgerliche. Dann kommt dazu, dass es eine Insel ist. Das wird von vielen Menschen gar nicht so wahrgenommen. Es gibt aber einem Stadtgebiet schon noch einen anderen Zusammenhalt, wenn das total von Wasser umgeben ist. Es franst nicht so aus, es ist einfach klar, wo es aufhört und wo es anfängt.

Pfelder:  Es ist halt klarer als Stadtraum definiert.

Simone Zaugg:  Als wir dann hier wohnten und unser Weg zur Post an diesem Haus vorbeiführte, in dem Kurt Tucholsky geboren wurde, fanden wir das ist so ein Ort, an dem schon etwas gewachsen ist, an dem schon ein Boden ist.  

Pfelder: Wir machen unsere Projekte so, dass wir ganz speziell mit den Orten arbeiten, an denen wir sind.  D.h. wir gehen ganz stark darauf ein, was da ist und verlangen das auch von den Künstlern. Gleichzeitig machen wir das aber auch sehr integrativ, also mit den Leuten vor Ort. Und da war dieses Gefühl sofort extrem gut, das der Stadtteil zwar einen schlechten Ruf hat, aber wenn man dann hier ist, merkt man, dass die Leute sich total mit Moabit identifizieren. Also es gibt so ein gutes Gefühl hier zu sein, für die Leute die hier sind.  Das fanden wir sehr interessant.

Außerdem hast du hier alles, obwohl Moabit auf dem Stadtplan gar nicht richtig auftaucht, das ist ja total Wahnsinn. Den Westhafen, das Wasser rund herum ,die Siemensfabrik, das Meilenwerk, Industriedenkmäler wie die Turbinenhalle, Parks, Fußballstadion. Die Turmstraße mit allen Einkaufsmöglichkeiten. Sie ist zwar auch ein bischen verschrien, aber Du kriegst alles, was du brauchst. Ich finde die gar nicht so schlecht.  Und die Preise sind nicht hoch. Und die Geschichte von Moabit ist ja auch sehr interessant. So als Arbeiterbezirk und letzte Bastion der Linken gegen die Nazis. Das gibt einen  Grund und ein Potenzial für künstlerische Projekte.

Würdet Ihr sagen, dass Moabit eine eigene Kulturszene  hat?

Simone Zaugg:  Szene nein, nicht vergleichbar mit Mitte oder Kreuzberg. Vielmehr ist es so, dass ganz viel Kulturschaffende aus vielen Bereichen in Moabit leben und arbeiten und die sich eben gegenseitig schon kennen und austauschen. Aber es gibt nichts, außer an der Heidestraße.

Pfelder: Die Heidestraße ist ja im Moment die Hip-Meile in ganz Berlin für Galerien. Das ist der Trendort im Moment. Weltweit fast.

Die Moabiter Kulturtage „Inselglück“ stehen vor der Tür. Gibt es eine Veranstaltung, zu der Ihr euch fest vorgenommen habt, hinzugehen?

Salah Saouli werden wir uns unbedingt anschauen. Das ist ein Künstler, der hier im Kurt-Kurt schon mal ein Projekt realisiert hat. Aber 2 Stunden nach seiner Eröffnung geht es bei uns auch los und dann sind wir im Kurt-Kurt und für das Publikum da. Da bleibt wenig Zeit.  

Eure neue Ausstellung hat das Thema Migration zum Hintergrund. Ihr beide pendelt auf Grund Eurer Arbeit auch viel in der Weltgeschichte herum. Würdet Ihr sagen, dass Ihr so etwas wie kulturelle Wurzeln habt und wenn ja, wo sind die?

Pfelder:  Ja klar, ich bin in Hamburg geboren.  Da gibt es schon eine Verbindung. Nachdem ich viel im Ausland war und auch da gelebt habe, merke ich, wie deutsch ich bin. Das habe ich mit 25 Jahren überhaupt nicht haben wollen, das fand ich furchtbar. Aber inzwischen finde ich das sehr gut, dass das ein großer Wert ist für mich, das mir das viel bedeutet. Aber ich weiß schon…ich bin sehr deutsch.

In welcher Hinsicht?

Pfelder: Das ist schwierig zu erklären, was das genau ausmacht. Da kommt viel zusammen. Aber ich merke eben, ich bin wirklich ganz anders, als die Franzosen, als die Norweger, selbst als die Schweizer.

Simone Zaugg:  Meine Heimatwurzeln sind natürlich auch in der Schweiz, da bin ich aufgewachsen. Das geht von Gerüchen über irgendwelche Klänge oder die Berge. Ich glaube auch,  dass es ein Potenzial gibt, aus diesen kulturellen Wurzeln, das man gerade eben als Künstler oder Künstlerin zum arbeiten nutzen kann.

Eure neue Ausstellung beschäftigt sich mit dem Thema Migration. Das passt ja gut zu Moabit.

Pfelder: Ja, wir haben dieses Projekt „Kunst im öffentlichen Raum“ drei Jahre gemacht, das ist jetzt mit diesem Katalog abgeschlossen. Jetzt ist die programmatische Neuorientierung, wir nenne es „Kunst und Kontext“ in Moabit.  D.h. die Ausstellungen, die wir jetzt machen sind nicht mehr so ganz konkret auf den öffentlichen Raum von Moabit bezogen, aber alle Ausstellungen sind so ausgewählt, dass sie Themen, die in Moabit virulent sind aufgreifen, ohne Moabit selbst zu bearbeiten.

In diesem Fall lief das Projekt schon in London und Istambul. Und so wurden wir gefragt, ob wir den dritten Teil in Berlin verwirklichen könnten. Gerade das Thema Migration kommt ja auch bei Künstlern sehr stark vor. Und das Thema ist für Moabit sehr treffend. Die meisten Künstler der Ausstellung sind ja Migranten, die ihre Heimatländer verlassen mussten. Das sieht man dann an der Ausstellung, sie haben im weitesten Sinne dazu gearbeitet. Für uns war das sehr gut und wichtig, das man das mal zeigen kann,  auch auf einem so hohen Level. Die Künstler stellen ja weltweit aus und arbeiten auf einem sehr hohen Niveau.

Simone Zaugg:  Wie kann Kunst das Thema Migration überhaupt fassbar, erlebbar machen? Wir haben hier in der Ausstellung die Arbeit einer Künstlerin aus Ex-Jugoslawien, sie lebt aber in London. Sie hat genau dieses Problem, sie hat die Wurzeln an einem Ort und musste dann wegen dem Krieg auswandern. Sie hat einige Monate hier in Berlin ein Stipendium gehabt und sich mit Gastarbeiterinnen, die hier in Moabit leben und z.B. immer noch für Siemens arbeiten, auseinandergesetzt und sie interviewt. Das Thema spricht hier in Moabit viele Menschen direkt an, weil sie das selbst kennen.

Es ist uns auch wichtig, dass das lokale Publikum diese „Schwellenangst“ überwindet und den Weg zu uns findet. Dass es hier eine Form von Kunst findet, die anders ist als das, was man z.B. in der Neuen Nationalgalerie oder im Bodemuseum hat. Die mehr zugänglich ist und mehr Themen behandelt, die direkt mit ihnen zu tun haben.

Was für Projekte stehen als Nächste an?

Simone Zaugg: Als Nächstes möchten wir gerne einige Künstler aus Moabit einladen, die hier leben, aber z.B. auch einen Migrationshintergrund haben und auch international arbeiten. Geplant ist, dass sie auch einige Arbeiten ausstellen, Videos zeigen und auch Künstlergespräche mit den Anwohnern stattfinden. In diesem Zusammenhang ist die Frage: „Warum lebst Du hier“ auch spannend. ---           

Zur Person: 

Simone Zaugg und Pfelder arbeiten auch in eigenen Projekten:

http://www.simonezaugg.net/

http://www.pfelder.de/

Zum gemeinsamen Projekt, dem Stadlabor Moabit, Kurt-Kurt führt dieser Link:

http://www.kurt-kurt.de

Hintergrundinfos zur aktuellen Ausstellung stehen im Netz unter:

http://www.journeyswithnoreturn.com/

Die Ausstellung "Journeys With No Return - Migration und zeitgenössische Kunst" ist am Donnerstag, den 17. Juni 2010 von 20-23 Uhr im Rahmen der Moabiter Kulturtage geöffnet.
Bis zum 20. Juni 2010 kann man das Kurt-Kurt Freitag bis Sonntag zwischen 14 und 19 Uhr oder nach Vereinbarung besuchen.

KÜNSTLERGESPRÄCH am Samstag, 19. Juni, 16 Uhr mit Denizhan Özer und Peter Cross

Kontakt: Kurt-Kurt Projektzentrale im Geburtshaus von Kurt Tucholsky, Lübecker Straße 13, 10559 Berlin, Simone Zaugg / Pfelder, Tel: 030 / 397 422 11, E-mail: info@kurt-kurt.de

kh